„in circuit 2024“

 
Vier Künstlerische Residenzstipendien auf dem Kunsthof Niederarnsdorf vergeben

Der Kunsthof Niederarnsdorf im Altenburger Land vergibt in diesem Jahr mit Unterstützung der Kulturstiftung Thüringen wieder vier Residenzstipendien an professionelle Bildende Künstler:innen sowie Künstlerische Forscher:innen.

Am 15. April 2024 tagte unsere Jury, bestehend aus Vertreter:innen verschiedener Sparten zur Vergabe der in circuit 2024 Residenzstipendien auf dem Kunsthof Niederarnsdorf:

Dr. Luise Junghans
(Kunsthistorikerin, Vorstand Kunsthof NIA e.V.)

Rahel Zaugg
(Bildende Künstlerin und Stipendiatin 2023)

Prof. Louise Walleneit
(Bildende Künstlerin, Kuratorin und Gründerin Kunsthof Niederarnsdorf)

Wir freuen uns, die Stipendiatinnen und Stipendiaten 2024 bekannt geben zu dürfen, sie werden am 15. Juni gemeinsam ihre vierwöchigen Arbeitsaufenthalte auf dem Kunsthof Niederarnsdorf antreten.

Kitman Yeung und Lalicha Lalitsasivimol als „gift-kit Kollektiv“, Hadin Schorn, Vitor Mattos und Stefan Hurtig befassen sich unter dem Aspekt der klima­freundlichen Kunstproduktion unmittelbar mit der Umgebung des Kunsthofes und beziehen hierzu Rezepte, Begegnungen, Fundstücke, Architekturen und Heilpflanzen der Region Altenburger Land in ihre Arbeitsprozesse und Konzeptionen ein.

Kitman Yeung und Lalicha Lalitsasivimol studieren an der Bauhaus-Universität-Weimar und haben das gift-kit Kollektiv gegründet.

Gemeinsam widmet sich das Kollektiv im Rahmen des Residenzstipendiums auf dem Kunsthof Niederarnsdorf dem Projekt „migrated cookbook“.

Als Künstlerinnen, die sich intensiv mit den sozio-anthropologischen Dimensionen des kulinarischen Erbes und der Migration auseinandersetzen, ist das „migrated cookbook“ ein Zeugnis für die transformative Kraft des Essens als kultureller Botschafter in Form eines Kochbuches. Inspiriert von der komplexen Wechselwirkung zwischen Essen, Identität und Migration will das Projekt die vielfältigen kulinarischen Traditionen, die in Thüringen zusammenkommen, nicht nur dokumentieren, sondern auch feiern.

Das Projekt stützt sich auf interdisziplinäre Ansätze und wird partizipative künstlerische Methoden anwenden, um mit der lokalen Gemeinschaft in Kontakt zu treten. Durch gemeinsame Kochvorführungen, Workshops und den Austausch von Rezepten wird das Kollektiv eine Sammlung von Rezepten zusammenstellen, die an die lokalen Küchen und Zutaten angepasst sind und Migrationsgeschichten widerspiegeln.

Durch das Kochbuch möchten sie eine Plattform für Dialoge schaffen, sowohl innerhalb der lokalen Gemeinschaft in Thüringen als auch auf globaler Ebene.

Kitman pik chee Yeung ist eine interdisziplinärere Künstlerin mit einem Hintergrund in Neurowissenschaften, der auf einem selbstbestimmten chinesischen Erbe und einer australischen Erziehung basiert. Kitmans Arbeit befasst sich mit den sozio-politischen Auswirkungen der Migration und lässt sich dabei vom reichen politischen Diskurs in Weimar inspirieren.

Lalicha Lalitsasivimol ist eine Designerin und experimentelle Künstlerin mit einem Hintergrund in Innenarchitektur. Lalichas Expertise liegt im forschungsorientierten Design, und ihre Leidenschaft für die Erforschung der Vernetzung von Designdisziplinen treibt ihre künstlerischen Bemühungen voran.

Die in Leipzig lebende Künstlerin und gebürtige Düsseldorferin Hadin Schorn fokussiert sich auf die Malerei auf beziehungsweise hinter Glas. Der Materialität von Glas wohnt eine Schönheit, Kühle, Härte und gleichzeitig Verletzlichkeit sowie Zerbrechlichkeit inne. Zu dieser Widersprüchlichkeit fühlt sie sich hingezogen und sieht darin eine gewisse Analogie zu unserer Zeit und Gesellschaft.

Kulturgeschichtlich ist eine der wichtigsten Eigenschaften von Glas seine Transparenz und seine Dichte – die Möglichkeit, nach Draußen zu blicken und gleichzeitig die Wärme im Innenraum zu bewahren. Die Verbindung von Drinnen und Draußen, die Verknüpfung von Glas und Architektur inspirieren sie, sich im Rahmen des Residenzstipendiums mit ihrer Hinterglasmalerei vom Innenraum in den Aussenraum zu arbeiten.

Die Materialbeschaffung findet vor Ort statt. Auf diese Weise wird die Künstlerin mit einer nachhaltigen Produktionsweise experimentieren, durch sammeln, erfragen von Glas-Resten und Bruchstücken (von Fenstern o.ä.) im Hof, bei den umliegenden Höfen und so auch Kontakt zur regionalen Bevölkerung herstellen und den jeweiligen Fund – Orten einen Resonanzraum in ihren Werken geben. Die Realisierung von Malereien in Fenstern von bewohnten und leerstehenden Gebäuden ist ebenfalls Teil der Arbeitskonzeption.

Geplant ist auch eine Kooperation mit der Farbglashütte in Lauscha. ELIAS Glashütte ist eine der letzten gewerblich produzierenden Glashütten und damit ist Thüringen ein besonderer Ort für Glas und dessen künstlerisch-hand-werkliche Verarbeitung.

Der brasilianische Künstler Vitor Mattos lebt in Weimar und ist ebenfalls Student an der Bauhaus- Universität. Seine Arbeit beschäftigt sich mit dem Thema “Fortschritt” und dem Bedarf als Menschen, dem Fortschritt Widerstand zu leisten. Dabei interessiert ihn die Dichotomie von Natur und Kultur. Er arbeitet mit Performance, Video, Fotografie, Cyanotypie und färbt fertige Werke wiederum mit pflanzlichen Lebensmitteln.

Für das Residenzstipendium auf dem Kunsthof hat er sich vorgenommen, heimische Heil-pflanzen zu erforschen und dafür Ansprechpartner*innen in der Region finden und mit ihnen zusammenzuarbeiten.

Thematisch verortet sich das Projekt als ein Versuch, sich mit einer fremden Landschaft vertraut zu machen: „Indem ich mich mit der Flora eines Territoriums vertraut mache, integriere ich mich in meiner Umgebung auch im gesellschaftlichem Sinne, da eine gewisse Verbundenheit mit dem Boden entsteht, die zum sozialen Miteinander beiträgt. Allerdings möchte ich den Begriff “Integration” weiter ausdehnen und über Verbundenheit von uns, Menschen, zu unserer Welt sprechen. Uns steht eine große Herausforderung bevor: Wir haben verlernt, uns mit der Erde zu verbinden. Lange dachten die Menschen, dass sie anderen Lebewesen gegenüber überlegen sind. Jetzt kommt die Natur auf uns zu, um uns daran zu erinnern, dass alles im Zusammenhang steht. Wir müssen wieder lernen, in Synthonie mit unserer Welt zu leben.

Das möchte ich durch die Forschung mit Cyanotypien und Papierherstellung verwirklichen. Mit einer Wiederverwertung von Papier – und anderen Materialien – sorgt man für Entlastung der Umwelt. Das Verfahren der Cyanotypie ermöglicht es, vorhandene Schatten – von Bäumen, Steinen, Dächern, Windrädern, kleinen Pflanzen, kleinen Tieren, die eventuell während des Belichtungsprozess über dem Papierstück laufen – bei der Herstellung von den Kunstwerken eine entscheidende Rolle spielen zu lassen. Die Färbung mit Heilkräutern, die Tannin enthalten, sorgt im poetischen Sinne für Heilung.“

Der Leipziger Medienkünstler Stefan Hurtig arbeitet seit vergangenem Jahr an der Erforschung von Mikroalgen und stellt in seinem Projekt SOLIDARITIES die Frage, was der Mensch von den nachhaltigen Lebensweisen der Mikroalgen lernen kann: „Spirulina, Chlorella und Co. sind robuste, schnell wachsende Mikroorganismen, die Kohlendioxid in Sauer-stoff umwandeln und oft Symbiosen mit anderen Arten eingehen. Sie besitzen eine hohe Nähr-stoffdichte (u.a. Protein, Eisen) und benötigen für den Anbau nur wenig Ressourcen (Platz, Wasser).

Mit dem Work-in-Progress-Projekt SOLIDARITIES möchte er im Sinne einer posthumanen Utopie das Verhältnis von Mensch und nicht-menschlichen Lebewesen neu denken. Es soll Denkanstöße für eine nachhaltige Zukunft in Bezug auf Zusammenleben, Nutzung des Lebensraumes und Ernährung geben.

Im Rahmen der Residenz möchte er künstlerisch-skulpturale Algenbioreaktoren umsetzen und dafür einen nachhaltigen Produktionsprozess aus gebrauchten Materialien, wie Kunststofffolien entwickeln. Kooperationen mit lokalen Firmen aus Aquaristik, Poolbau und Schrotthandel sind geplant.

Die Produktion der künstlerischen Installation fußt somit wesentlich auf Material-Recycling und Upcycling. Die Skulpturen mit lebenden Algenkulturen werden modellhaft veranschaulichen, wie eine auf Materialkreisläufen basierende Produktionsweise und ein ressourcenschonender Anbau von Nährstoffen für den Menschen gelingen kann. Zur Ausstellungseröffnung gibt es dann grünen Gin-Chlorella-Tonic mit vor Ort geernteten Mikroalgen.

Wir werden über Instagram, auf unserer Webseite sowie im Rahmen von unten stehenden Veranstaltungen Einblicke in die Arbeitsprozesse geben.

VERANSTALTUNGSHINWEISE

Die Künstlerinnen und Künstler werden zum  „Tag der Kulturen Altenburger Land“, am 16.6.2024, anwesend sein.

Am 7. Juli lädt der Kunsthof zum Tag des offenen  Ateliers dazu ein, den Stipendiatinnen  und Stipendiaten beim Arbeiten über die Schulter zu schauen und ins Gespräch zu kommen.

Gerne können Sie einen Termin für Interviews vereinbaren.
Bei Interesse bitte anrufen: 0179 4764146.

Die Residenzstipendien werden gefördert durch: